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Dienstag 06.01.2009
 
Dort schlummert einfach ein enormes Potential
04-2007/1887
Quelle: Mass-Rhein-Zeitung, Deutschland
DAS INTERVIEW: DIESMAL MIT ACHIM SCHULZ
über den Markt Indien:


MRZ: Herr Schulz, Sie sind seit vielen Jahren als Unternehmer am Niederrhein tätig. Wann kam der Entschluss, auch international aktiv zu werden? Und vorweg, was produziert Ihr Mönchengladbacher Unternehmen eigentlich?

SCHULZ: Unser Familienunternehmen exisistiert jetzt in der fünften Schulz-Generation am gleichen Platz, in den gleichen Branchen, aber schon lange nicht mehr nur in Deutschland. Wir produzieren heute immer noch Reparatur-, Instandhaltungs- und Produktionsmaterialien und Systeme für die gesamten metallverarbeitenden Industrien von Gießereien bis zu Flugzeugindustrien. Mein Urgroßvater hatte Ende des vorletzten Jahrhunderts (1880) die ersten Gießerei-Reparaturprodukte hergestellt. Mein Großvater hatte das Programm zwischen 1920 und 1930 kräftig erweitert. Und mein Vater wiederum hat unsere Produkte 1950 für den damaligen Ostblock geöffnet. Mein Vetter Dieter Schulz hat alle Länder in Europa dazu gebracht und mit Japan schon in den 70ern den Fernen Osten. Ich habe dann in den 80ern bis heute für weitere Exporte nach Nordamerika sowie nach Nah-, Mittel und Fernost gesorgt. Mit dem Wegzug der deutschen Metall- und Maschinenindustrien nach Osten mussten wir uns eben auch nach dorthin orientieren, globalisieren, expandieren.

MRZ: Ihr besonderes Steckenpferd ist Indien, wo sich sich ja seit Jahren nicht nur besonders engagieren, sondern inzwischen auch eine Niederlassung haben. Wie kam es dazu? Wie sieht die Zusammenarbeit mit den Menschen in dem Land aus und was machen Sie konkret in Indien?

SCHULZ: Ach, wissen Sie, Indien alleine ist nicht mein einziges Berufs-Steckenpferd. Es zieht mich genau so stark in die USA, nach Kanada, Mexiko oder Europa. Niederlassungen in Form von Joint Venture Firmen mit Partnern vor Ort haben wir auch in den USA, Brasilien, Ungarn, Indien, China (noch in diesem Jahr). Geplant sind Korea, Taiwan und Singapore. Dann haben wir unsere Speerspitzen gut verteilt für die Zukunft - hoffen wir jedenfalls. Doch Sie liegen mit Indien richtig, insofern, als wir das Glück hatten, durch Vermittlung der DEG in Köln (BMBF),Ende der 90er zusammen mit der Technologischen Uni VTU in Bangalore, Karnataka, Südindien, in eine engere Zusammenarbeit zu kommen. Zunächst Schulung von Endsemester-Studenten der Fachrichtungen Maschinenbau, Konstruktion, Produktion in unseren hochmodernen Produktionstechnologien. Später dann zusammen mit der FH Darmstadt für Tribologie und heute zusammen mit verschiedenen Instituten der RWTH Aachen, der Hochschule Niederrhein und weiteren Unis in breit gefächerten Industriezweigen.

Die Bundesförderungen durch das BMBF und das BMWi haben uns hier übrigens gut geholfen. Mich persönlich fasziniert beispielsweise die hohe Neugier vieler Inder, Neues zu lernen, vorbehaltlos neue Technologien anzunehmen und umzusetzen. Das fehlende duale Lernsystem, wie wir es in Deutschland lange zuvor entwickelt hatten, wäre (nicht nur) für Indien ein Idealfall. Das von Diamant initiierte, vom Bund und aus Indien unterstütze IGIT, Indo German Institute of Technologies, soll künftig helfen, durch gezielte Lehr- und Trainingsmaßnahmen Studenten und vor allem auch Industrieanwender in Indien fit für die Produktionstechnologien von heute zu machen. Dies wird in diversen Stufen von ein paar Tagen bis zu drei Monate gehen und privatwirtschaftlich durchgeführt. Das heisst, wir laden auf Anforderung von indischen Instituten und Universitäten oder Industriebetrieben deutsche Fachreferenten, Professoren, Junior-Professoren ein zu Fachvorträgen, Referaten und Vorführungen.

Nach zehn Jahren Auf- und Ausbau haben wir zwei aktive Joint Venture-Unternehmen, ein kommerzielles mit unserem langjährigen Partner und Vertreter und ein akademisches Unternehmen mit diversen indischen Instituten und Universitäten, u.a. die VTU, das IISc, das VIT, diverse IIT. Unsere bilateral arbeitenden ExportUNIon-Abteilungen in Deutschland und Indien tun ein übriges, den Warenaustausch von und nach Indien in Schwung zu bringen. Ähnliches planen wir im übrigen auch in diesem Jahr noch für China, Korea, Taiwan und Singapur.

MRZ: Wie sieht die aus Ihrer Sicht die Zusammenarbeit mit deutschen Firmen, Verbänden, Landes- und Bundesregierung und anderen Einrichtungen mit Indien aus?

SCHULZ: Sie müssen bedenken, dass wir zu den KMU (Kleine und Mittlere Unternehmen) gerechnet werden, und das hat viel zu tun mit öffentlichen (d.h. Bundes- oder Landes-) Förderungen, Interessen-Vertretungen oder Lobbyarbeit, was wir „Kleinen“ uns gar nicht erst erlauben (können). Trotzdem haben wir als Firma Diamant Bundes-Förderungen bekommen, die es uns erst erlaubt haben, diese Schritte in Indien zu gehen. Investments zu machen, die man als kleiner Unternehmer vielleicht nicht so schnell gemacht hätte. Auch die Kooperation mit der Indo German Chamber of Commerce, IGCC, ist hilfreich, da sie vor Ort auf beiden Seiten engagiert unterstützt. Dieses kann man leider von der IHK Schwerpunktkammer in Düsseldorf nicht behaupten.

Die gute politische und wirtschaftliche Unterstützung seitens der Wirtschaftsförderung des Rhein Kreises Neuss hat es uns erst erlaubt, das Indo German Office, IGO, im letzten Jahr in Neuss zu eröffnen. Und der bisherige Höhepunkt der Unterstützung war dann gegeben durch die Eröffnung des indischen IGO durch Landrat Dieter Patt und seinen WFG-Chef Jürgen Steinmetz im Januar 2007 in Bangalore. Hierdurch bekommen wir die öffentliche Unterstützung, ohne die es selbst für Kleine nicht geht. Das IGO soll kleine Unternehmer unterstützen in ihren Bestrebungen, sich nach Fernost, insbesondere Indien, zu wenden.

MRZ: Was muss denn geschehen, damit das Netzwerk Indien und Deutschland, hier besonders Nordrhein-Westfalen, optimal genutzt werden kann - und zwar von beiden Seiten?

SCHULZ: Hier sprechen wir einen immer noch wunden Punkt an - historisch hat NRW bis vor ganz kurzer Zeit Indien als ein Drittland angesehen, man hat die „schlummernden“ Potenziale überhaupt nicht erkannt und rennt nun hinter verlorenen Posten her. Allen voran Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen (!), Bremen und andere haben sogar eigene Vertretungen in Bangalore, dem indischen Silicon Valley, seit Jahren eingerichtet, als NRW Indien immer noch falsch einstufte, trotz mehrmaliger Anfragen um Unterstützung unsererseits. Beim Besuch des südindischen Ministers für Höhere Bildung und Technologie bei uns in Mönchengladbach im Jahre 2003 hatte es kein NRW-Ministerium für nötig erachtet, an der offiziellen Eröffnung unserer Partnerschaft mit der Technologischen Uni teilzunehmen.

Seitdem die NRW Wirtschaftsministerin Christa Thoben im März 2007 auf einem Kurztrip in Indien war, versucht man nun wohl, die Sünden der Vergangenheit zumindest zu vermeiden. Warten wir es ab. Es ist schon so viel versäumt worden. Da kann es eigentlich nur besser werden. Frau Thoben hatte sich bei Vorträgen vom IGIT in Bangalore über die Errungenschaften informieren können. Die NRW-Wirtschaft hat sich bereits selbst geholfen, soweit es ohne politische Landesunterstützung ging; wir sehen ja am Paradebeispiel Bayern, wie sehr eine solche Unterstützung hilft, nicht nur für deutsche Firmen in Indien Fuß zu fassen, sondern auch indische Unternehmer an den Standort Deutschland, besser Bayern, zu bringen!

MRZ: Sie sind ja öfters im Jahr in Indien. Was müssen hiesige Firmen oder Wirtschaftsförderungen eigentlich tun, damit auch sie - auch kleinere Unternehmen - Kontakte im immer mehr aufstrebenden Land Indien machen können? Schließlich kann ja nicht nur in Indien produziert werden. Sondern immer mehr dortige Unternehmer suchen in Europa doch auch logistisch lohnenswerte Standorte, um ihre Produkte in Europa auf den Markt zu bringen?

SCHULZ: Indien steht fast jedem weit offen. Viele bilaterale Kontakte sind bereits geknüpft. Aber viele Kontakte sind leider schon an Amerika, Kanada, England, Niederlande, Japan und weitere vergeben. Deutsche Mitbewerber aus den „Förderländern“ Bayern oder Baden-Württemberg haben viele gute Kontakte festgezurrt, die für NRW KMUn nicht mehr zur Verfügung stehen. Dennoch, Indien ist ein Subkontinent mit erheblichen Potenzialen und geradezu hungrig nach - vor allem deutschen - Spezialprodukten. Hier können NRW-KMUn gut punkten. Indien ist produktionstechnisch noch auf einem langen Marsch bis zur Hochtechnologie. Fertigungstechnologien, wie sie bei uns Standard sind, gibt es wenige. Viele indische Firmen wollen aber gerne „aufgerüstet“ werden und warten nur auf geeignete deutsche Partner. Diese müssen allerdings den ersten Schritt tun und sich in Indien umschauen. Wir hatten im Januar 2007 mit über 20 akademischen und industriellen Partnern unsere dritte Delegationsreise nach Bangalore absolviert und planen weitere solcher Besuche. Das gilt für Firmen, die Partner in Indien suchen für die Produktion, für den Handel oder für eine technologische Kooperation.

MRZ: Wie sieht die Zukunft Ihrer Firma aus? Ist der deutsche Standort nach wie vor gesichert oder werden Ihre Produkte auch schon bald nur noch im Ausland gefertigt?

SCHULZ: Aufgrund der Tatsache, dass wir geradezu abhängig sind von ständigen Neuentwicklungen, ist Flexibilität für uns ein Muss. Dies haben wir auf unseregesamte Firma übertragen, und alle unsere Mitarbeiter sind trainiert in Umdenken, Neudenken, Andersdenken. Als Kleinster und Feinster im internationalen Reigen europäischer, amerikanischer und fernöstlicher Konkurrenten müssen wir ständig 'alert' sein. Das ist aufwändig und zehrt, aber das stellt sicher, dass „Kopisten“, vor allem aus Fernost, es nicht leicht haben, das nachzumachen, was wir vormachen. Das beste Umfeld für neue Technologien, neue Rohstoffe und deren Umsetzung in neue Formulierungen finden wir hier vor Ort, warum also ein Pferd wechseln, das gewinnt? Wir bekommen hier die akademische Unterstützung, wo wir sie benötigen. Wir haben Rohstoffresourcen vom Feinsten, wir sind zwar kein Billiglohnstandort, aber einer mit Tradition, Erfahrung, lange gelerntem Können und hoher Effizienz. Wir sind standortverbunden und ein echt rheinisches Umfeld finden wir im „Rest der Welt“ sowieso nicht. Daran hängt man eben als deutscher Kleinunternehmer so lange, wie wir es uns leisten können. Echtes Alt, Kölsch, Pils, effe Gries, Flönz und Frohnaturen kann man nicht kopieren.

Mit Achim Schulz, Geschäftsführer Diamant Metallplastic, unterhielt sich Freek Scholtens